Mein Weg zum Schreiben
Meine Liebe zum Schreiben entstand genau im Jahr 1974. Ich erinnere mich an diesen Moment, als hätte ich ihn gestern erlebt. Ich saß auf meinem Sessel in der vierten Klasse der Volksschule und beobachtete verdrossen meine Lehrerin. Die Schule besuchte ich ungern, da ich ein unsicheres und introvertiertes Kind war. Aus familiären Gründen hatte in diesem zarten Alter schon zum dritten Mal die Schule gewechselt. Wieder einmal war ich ein Neuling.
Die Lehrerin ging zur Tafel und schrieb drei Worte in Schönschrift:
Fledermaus, Messer, Blut
„Eure Aufgabe ist es, eine Geschichte zu schreiben, in welcher diese drei Worte vorkommen!“
Meine Stimmung wechselte schlagartig. Sofort begann meine Fantasie auf Hochtouren zu arbeiten. Sofort fühlte ich mich gut. Die meisten meiner Klassenkameradinnen, es handelte sich um eine reine Mädchenschule, tauchten am folgenden Tag im Unterricht mit Geschichten auf, die zwei oder drei Seiten lang waren. Meine Geschichte umfasste neun Seiten. Von der Lehrerin erhielt ich Lob, meine Mitschülerinnen betrachteten mich argwöhnisch.
Das ist aber nicht der springende Punkt, denn ich erlebte etwas viel Wichtigeres und Stärkeres. Das Gefühl, das ich beim Erfinden der Geschichte hatte! Dieses unbändige Vergnügen, mir Szenarien und Personen auszudenken, die einfach alles sein konnten und tun durften, was ich wollte. Dieses Vergnügen war unbeschreiblich groß.
Mein Leben verlief in der Folge ganz traditionell weiter: nach der Volksschule kam die Hauptschule, das Gymnasium, ein angefangenes und ein abgeschlossenes Studium an der Universität Innsbruck. Arbeit in der Medizinischen Forschung, in der Lebensmittelindustrie und in der Pharmaindustrie. Doch was mir die ganze Zeit über erhalten geblieben ist, ist dieses Vergnügen beim Erfinden von Geschichten.
Im Laufe der Jahre durfte ich noch ein zweites Vergnügen kennenlernen. Nämlich das Vergnügen, das man beim Lesen von guten Geschichten erleben darf.